Am vierten Advent findet im Missionshof traditionell die besinnliche Stunde statt. Im Jahr 2011 hat Helmut Jänecke den ersten von drei Geschichtsteilen vorgelesen

 

Ich möchte Ihnen eine kleine Geschichte vorlesen. Anhand der teilweise ellenlangen Sätze werden Sie feststellen, dass es eine alte Geschichte ist. Ich habe mir erlaubt, sie geringfügig zu ändern und dem Dorf Neukirchen anzupassen.
 

Die Geschichte heißt:


Das verschwundene Jesuskind. Der Jung ist weg.

 

Das ganze Dorf war stolz auf Ihre Weihnachtskrippe in der Kirche. Alle hatten Ihren Anteil zu der Bastelarbeit der Krippe geleistet.

Auch die Bemalung der lebendig wirkenden Figuren von Maria und Josef, den Hirten und der Könige, den Ochsen und Eseln, die sich neugierig zwischen den Hirten tummelten, war eine Gemeinschaftsarbeit von Stadtmarketing und des Arbeitskreises Dorf Neukirchen.

Die Bekleidung der Figuren waren den Veranstaltern zu teuer, also musste Matha Schlotmann sie bestricken, die Maria in Rot, den Josef in Blau und das Jesuskind in Rosa. Die Schäfchen wurden in Weiß gehalten denn schwarze Schafe gab es damals noch nicht. Die Umhänge der heiligen drei Könige wurden vom Mütterfamilienzentrum gespendet. Neben dem Eingang zur Höhle standen einige exotische Gewächse, eine freundliche Leihgabe von Blumen Christel. Über der Höhle leuchtete der Stern von Bethlehem. Das Innere der Höhle lag im Dunkeln, aber in der Decke war eine Öffnung, durch die der Glanz des Sternes hineinschaute, eine kunstvolle Arbeit von unserem Dorfmechaniker Tendick. Er, nein, nicht der Tendick, der Stern beschien das Jesuskind in der Krippe und es war, als ginge von dem Kind aller Glanz aus, der auch die anderen Figuren hell und leuchtend aus dem Dunkel hob. Es hatte eine Aura wie Aurelia Johanna Stralka.

Das Kind in der Krippe war die Freude aller Kinder. Es lächelte und streckte die Ärmchen aus als wolle es sagen: Lasset die Kindlein zu mir kommen. Niemand konnte sich ein Weihnachtsfest ohne die Krippe vorstellen. Fing doch das Weihnachtsfest erst an, wenn in der Christmesse der Stern über der Höhle aufleuchtete und in seinem strahlenden Licht das Jesuskind in der Krippe plötzlich sichtbar wurde.

Und dann geschah das Unfassbare: Als am dritten Tag nach Weihnachten Pastor Hermann, er hatte gerade bei Bisca das Tagesmenü für 4,90 € und eine Flasche Wasser zu sich genommen,  durch das Kirchenschiff ging um noch einmal nach dem Rechten zu sehen, kam Ihm Frau Neugebauer in heller Verzweifelung entgegen.“ Pastor Hermann, Pastor Hermann“ stotterte sie heiser vor Aufregung,“ das Kind ist weg. Unser Jesuskind, aus der Krippe haben Sie es gestohlen.“

Der Pastor kraulte seinen Bart und schüttelte ungläubig den Kopf.“ Das gibt es in unserem Dorf nicht.“ „ Dann muss es jemand aus Vluyn gewesen sein, einer der neidisch auf unsere Krippe war.“

Auch das schien dem Pastor nicht einzuleuchten. Er entgegnete in seiner ruhigen Art:„ Wir wollen selber Detektiv spielen. Ich setze mich in die Kanzel, so kann ich alles überblicken, was bei der Krippe geschieht. Und Sie verstecken sich hinter der Säule dort.“ Kaum hatte Frau Neugebauer Ihr Versteck und der Pastor seinen Spähposten bezogen, als die Kirchentür sich öffnete. Kurze, eilige Schritte halten von den Steinfliesen durch das Kirchenschiff. „ So unbekümmert tritt kein Dieb auf“ sagte Pastor Hermann zu sich und beugte sich vor, um den eintretenden besser sehen zu können. Der Kleine, der da so selbstsicher und zielstrebig auf die Krippe zulief, war der 5jährige Felix aus dem Dorf. „Wie wird er erschrecken, wenn er die Krippe leer findet“ dachte Pastor Hermann mit Bedauern. Aber was trug er da unter seinem linken Arm, sorgfältig von seiner Jacke versteckt? „Ob er dem Jesuskind ein Spielzeug bringen wollte?“

So manches Mal hatte der Pastor kleines Spielzeug oder Süßigkeiten gefunden, die Kinder dem Jesuskind in die Krippe gelegt hatten, wie einem Spielkameraden. Jetzt öffnete der Junge seine Jacke. Der Pastor vergaß für einen Augenblick seine Rolle als Detektiv und stellte sich auf eine Fußbank, um über die Kanzel blicken zu können. Das Kind beugte sich über die leere Krippe und legte ganz behutsam etwas hinein. Dann glättete es sorgfältig Stroh und Moos und trat zur Seite. Pastor Hermann glaubte seinen Augen nicht zu trauen, denn da lag vor Ihm lächelnd und mit ausgestreckten Händen das verschwundene Jesuskind. Nun wandte der Junge sich zum Weggehen. Er blickte sich noch einmal um und nickte dem Kind in der Krippe zu wie einem Spielkameraden. Da stand Pastor Hermann wie ein Riese vor Ihm.“ Wie kommst du zu dem Jesuskind? Wo hast du es gefunden? Wer hat es dir gegeben?“ „Niemand hat es mir gegeben“, sagte der Junge,“ ich habe es aus der Krippe genommen.“ „  Aber warum denn, was hast du mit dem Jesuskind gemacht“?

Jetzt wurde der Kleine verlegen und blickte scheu vor sich hin. Dann schaute er den Pastor treuherzig an und sagte: „ Pastor Hermann, das war nämlich so. Ich hätte so gerne ein Skateboard gehabt, weil ich so gerne Skateboard fahre“. „Und du hast keins bekommen?“ fragte der Pastor voller Bedauern.“ Meinen Eltern war das zu teuer“ erklärte der Junge“ und da habe ich mir eins vom Christkind gewünscht“.“ Und das Christkind hat dir ein Skateboard gebracht?“ „Oh ja, Herr Pastor, ein wunderschönes Skateboard. Mit einem Aufkleber von Schalke. Und ich bin so glücklich gewesen. Und dem lieben Christkind so dankbar. Ach, Herr Pastor, und da habe ich gedacht, wo doch alle Kinder so gerne Skateboard fahren, also ich habe gedacht, es würde dem Christkind auch Freude machen. Und weil ich Ihm so dankbar bin, wollte ich Ihm zeigen, wie schön es sich mit dem Skateboard fahren lässt“. „Und dann bist du mit dem Christkind gefahren?“ „Ja, Herr Pastor, gerade eben in der Mittagssonne. Drei Runden habe ich mit Ihm auf der Domplatte gemacht“.

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